Daten zur Kölner Scheidungsstudie 1990-1996.
EntwicklungspsychologieAutor*innen / Ersteller*innen
Schmidt-Denter, UlrichBeelmann, Wolfgang
Abstract
Die Veränderung der familiären Beziehungen nach einer ehelichen Trennung/Scheidung wird untersucht. Familie wird dabei als System verstanden, welches auch nach der Trennung/Scheidung nicht aufhört zu existieren, sondern sich umstrukturiert. Der Veränderungsprozess wird als phasentypisch gegliedert angenommen, wobei die Entwicklung in Richtung einer relativen Stabilisierung verläuft. Dieser Prozess wird von den Familienmitgliedern unterschiedlich erlebt, so dass die familiären Veränderungsprozesse nicht aus der Sicht einer einzelnen beteiligten Person angemessen rekonstruiert werden können. Schließlich ist eine differenzielle Betrachtungsweise bedeutsam, im Rahmen derer der Frage nachgegangen wird, unter welchen Bedingungen bestimmten Personengruppen eine Anpassung an die Nachscheidungssituation eher gelingt bzw. mißlingt.
Dem Drei-Phasen-Modell des Trennungs-/Scheidungsgeschehens entsprechend wurde eine Längsschnittuntersuchung mit drei Meßzeitpunkten durchgeführt (10, 25 und 40 Monate nach der Trennung), ergänzt um eine vierte Erhebungswelle nach 5,5 Jahren. Die Daten der 60 untersuchten Familien (erste Welle: jeweils ein Zielkind, Mutter und Vater) wurden mit Hilfe einer Vielzahl von Instrumenten erhoben. Eingesetzt wurden das Familiendiagnostische Testsystem (Schneewind, Beckmann & Hecht-Jackl, 1985), die Marburger Verhaltensliste (Ehlers, Ehlers & Makus, 1978), die deutsche Fassung des Family Relations Test (Flämig & Wörner, 1977), der selbstentwickelte Kölner Fragebogen für Scheidungsfamilien in den Versionen für Mütter und Väter, sowie systematische Interaktionsbeobachtungen per Videoanalyse von Mutter-Kind-Dyaden in standardierten Situationen.
Wichtige Ergebnisse betreffen die (Ex-)Ehepartnerbeziehung, das Familienklima, die Erziehungspraktiken aus Sicht der Eltern und der Kinder, wobei jeweils differenzierende Perspektiven zu beobachten sind. Ein Schwerpunkt des Projektes betraf das kindliche Erleben der Trennung sowie die Konsequenzen für die kindliche Entwicklung. Das Auftreten kindlicher Verhaltensauffälligkeiten ist alamierend, wenngleich sich positive Veränderungen im zeitlichen Verlauf aufzeigen lassen. Aus differenzieller Perspektive können drei Verlaufstypen unterschieden werden: die "Hochbelasteten", die "Belastungsbewältiger" und die "Geringbelasteten". Als wichtige Risiko- bzw. Schutzfaktoren, die den kindlichen Anpassungsprozeß moderieren, erweisen sich die Gestaltung der familiären Beziehungen sowie personale Kompetenzen. Aus den Befunden kann eine Stützung für Ansätze eines konsensorientierten Verfahrens zur Regelung der sorge- und umgangsrechtlichen Bestimmungen abgeleitet werden.
In umfangreichen Datensätzen werden zu den 60 Familien und vier Messzeitpunkten die Primärdaten der Studie bereitgestellt. Soweit etablierte Verfahren eingesetzt wurden, werden zumeist Skalenwerte mitgeteilt. Bei den Daten zur systematischen Interaktionsbeobachtung handelt es sich um über die Rater gemittelte Werte von selbstentwickelten Beobachtungsskalen.
Persistent Identifier
https://doi.org/10.5160/psychdata.stuh96ko20Jahr der Publikation
2004Förderung
Zitierung
Studienbeschreibung
Forschungsfragen/Hypothesen:
Forschungsdesign:
Gemischtstandardisiertes Erhebungsinstrument (Kombination aus unterschiedlich standardisierten Teilen); mehrmalige Erhebung
Messinstrumente/Apparate:
Bei den vier Untersuchungswellen wurden mehrere Verfahren eingesetzt.
(1) Eine erste Gruppe umfasst publizierte Testverfahren, welche hier nur kurz beschrieben werden; auf die Originalliteratur sei verwiesen. Bei diesen Verfahren liegen jeweils Normwerte für "normale" Familien vor; die Scheidungsfamilien lassen sich durch die Abweichungen von diesen Normwerten charakterisieren.
Marburger Verhaltensliste (MVL): Mit Hilfe von 80 Items beschreiben die Eltern kindliche Verhaltensprobleme, die in den vorausgegangenen 14 Tagen aufgetreten sind. Fünf Subskalen werden erfasst: Emotionale Labilität (EL), Kontaktangst (KA), Unrealistisches Selbstkonzept (SK), Unangepaßtes Sozialverhalten (US) und Instabiles Leistungsverhalten (IL).
Family Relations Test (FRT): Die "subjektive Realität" der gefühlsmäßig erfassten Familienstruktur aus Sicht des Kindes wird abgebildet. Das Kind wählt zunächst aus Pappfiguren verschiedener Altersgruppen und verschiedenen Geschlechts Repräsentanten für alle Familienmitglieder einschließlich sich selbst aus. Es werden nacheinander 86 Kärtchen (in der Vorschulversion 40 Kärtchen) vorgelegt, die jeweils eine Aussage enthalten, welche ein positives oder negatives Gefühl zum Ausdruck bringt. Das Kind soll das Kärtchen demjenigen Familienmitglied zuordnen, zu dem es am besten passt. Für nicht passende Kärtchen steht noch die Figur des "Herrn Niemand" bereit. Bei der Testauswertung werden die Items für die einzelnen Familienmitglieder nach positiven/negativen vom Kind ausgehenden/empfangenen Gefühlen kategorisiert.
Familiendiagnostisches Testsystem (FDTS): Aus dem modular aufgebauten Testsystem wurden folgende Teile ausgewählt: Ehepartnerbeziehung (für Mutter und Vater), Familienklima (für Mutter, Vater und Kind), Erziehungspraktiken (für Mutter, Vater und Kind). Die Testinstruktion und einzelne Items wurden an die Situation des Getrenntlebens angepasst.
- Teil Ehepartnerbeziehung: Es existieren zwei Unterformen; für die Mutter (M) und für den Vater (V). Vier Skalen werden erfasst: Zärtlichkeit (M: 16 Items, V: 27 Items), Konflikt (V: 11 Items, M: 8 Items), Resignative Unzufriedenheit (M: 10 Items, V: 7 Items) und Unterdrückung (M: 6 Items, V: 6 Items). Die Antworten werden auf einer fünfstufigen Ratingskala von "immer" bis "nie" gegeben. Die Ehepartnerbeziehung wurde in der vierten Welle nicht mehr erfragt.
- Teil Familienklima: Das Familienklima wird in den Version für die Mutter (99 Items), für den Vater (89 Items) und für das Kind (99 Items) erfasst. Die Antwortalternativen lauten "stimmt" bzw. "stimmt nicht". Erhoben werden die Skalen Zusammenhalt, Offenheit, Konfliktneigung, Selbständigkeit, Leistungsorientierung, kulturelle Orientierung, Aktive Freizeitgestaltung, Religiöse Orientierung, Organisation und Kontrolle.
- Teil Erziehungspraktiken: Erfasst werden die Erziehungspraktiken der Mutter gegenüber der Tochter aus Sicht der Mutter (53 Items), die Erziehungspraktiken des Vaters gegenüber der Tochter aus Sicht des Vaters (53 Items), die Erziehungspraktiken der Mutter gegenüber dem Sohn aus Sicht der Mutter (53 Items), die Erziehungspraktiken des Vaters gegenüber dem Sohn aus Sicht des Vaters (53 Items), die Erziehungspraktiken der Mutter aus Sicht des Kindes (44 Items) und die Erziehungspraktiken des Vaters aus Sicht des Kindes (46 Items). Unterskalen sind Belohnung durch liebevolle Zuwendung, Materielle Belohnung, Eingeschränktes Lob, Liebesentzug, Entzug materieller Verstärker, Ärger und Geringschätzung und Körperliche Bestrafung. Die Antworten werden auf einer fünfstufigen Ratingskala gegeben mit den verbalen Ankern "immer", "oft", "manchmal", "selten" oder "nie".
Nur in der vierten Welle wurden eingesetzt:
- Hamburger Verhaltensbeurteilungsliste (HAVEL): Das Verfahren dient der Beschreibung des momentanen kindlichen Zustandbildes durch die Mutter. Je 10 Items bilden eine der vier Subskalen Dominanz, vegetative Labilität, Gewissenhaftigkeit und Arbeitshaltung. Die Antworten zu den Items werden über fünfstufige Ratingssaklen (immer oder fast immer - häufig - gelegentlich - selten - nie oder fast nie) gegeben.
- Subjektives Familienbild (SFB): Es werden die Familienbeziehungen aus der individuellen Sicht der einzelnen Mitglieder erhoben. Kind, Mutter und Vater schätzen jeweils die Beziehungen zum jeweils anderen im Selbst- und angenommenen Fremdurteil anhand der Potenzdimension (Ausmaß individueller Autonomie) und der Valenzdimension (Ausmaß emotionaler Verbundenheit) mit Hilfe eines semantischen Differentials ein.
(2) Kölner Fragebogen für Scheidungsfamilien (KFS)
Bei dem KFS handelt es sich um ein eigens für die vorliegende Studie entwickeltes Instrument, welches trennungsspezifische Problematiken und Inhalte aus Sicht der Mutter und aus Sicht des Vaters getrennt abbildet. In Voruntersuchungen wurde ein Fragebogen entwickelt und erprobt, der von den Probanden selbständig ausgefüllt werden kann. Der in der ersten Welle eingesetzte, 119 Items umfassende Fragebogen für die Mutter beinhaltet die Bereiche Fragen zum Kind, Fragen zur Mutter, Personale und soziographische Angaben, Angaben zur Ehe, Fragen zur Trennung und Fragen zur Zeit unmittelbar nach der Trennung. Für die folgenden Wellen wurden die Fragen über die Zeit der Ehe und die Trennungszeit nicht noch einmal vorgelegt. Hinzu kamen Angaben über neue Partnerschaften, die Inanspruchnahme psychotherapeutischer Hilfe und Fragen zur juristischen Scheidung und zum Sorge-/Umgangsrecht. Die Antworten wurden teils mit geschlossenen, teils mit offenen Formaten erfasst. Für die Vater-Version wurden die meisten Fragen weitestgehend übernommen. Einige Bereiche mussten aufgrund der sich von Mutter und Kind deutlich unterscheidenden Lebenssituation des Vaters geändert, hinzugefügt oder weggelassen werden.
(3) Systematische Interaktionsbeobachtung der Mutter-Kind-Dyade
Hierzu wurden videotechnische Beobachtungen von Müttern und Kindern im häuslichen Umfeld durchgeführt. Drei standardisierte Spielsituationen wurden jeweils über den Zeitraum vom zehn Minuten aufgezeichnet: Stapelmännchenspiel, Bau eines Legohauses, Malen einer Trauminsel. Es wurden siebenstufige Ratingskalen unter Bezugnahme auf die Bindungsforschung, die Erziehungsstilforschung und die Scheidungsforschung entwickelt. Die Skalen bilden drei Gruppen: Verhalten der Mutter (7 Skalen), Verhalten des Kindes (8 Skalen), Dyadische Interaktion (10 Skalen). Ein Rater-Trainingsprogramm wurde entwickelt und durchgeführt. In Welle 4 wurde keine systematische Interaktionsbeobachtung durchgeführt.
Weiterführende Angaben zu den Erhebungsinstrumenten und der Erhebungsdurchführung finden sich bei Schmidt-Denter & Beelmann (1995).
Datenerhebungsmethode:
Erhebung in Anwesenheit eines Versuchsleiters
- Einzelvorgabe
- Papier und Bleistift
- Foto-, Video- oder Audioaufzeichnungen
Erhebung in Abwesenheit eines Versuchsleiters
- Postalische Erhebung
Population:
Trennungsfamilien mit einem Zielkind im Alter von vier bis zehn Jahren
Erhebungszeitraum:
Stichprobe:
Einfache Zufallsstichprobe
Geschlechtsverteilung:
43,3% weibliche Zielkinder (n=26, zum ersten Erhebungszeitpunkt)
56,7% männliche Zielkinder (n=34, zum ersten Erhebungszeitpunkt)
Altersverteilung: 4 bis 10 Jahre (Zielkinder zum ersten Erhebungszeitpunkt)
Räumlicher Erfassungsbereich (Land/Region/Stadt): Deutschland/Nordrhein-Westfalen
Probandenrekrutierung:
Zur Information und Teilnehmer-Rekrutierung wurde ein Anschreiben und ein spezielles Faltblatt entworfen. Die Familien erhielten als Gegenleistung für ihre Mitarbeit eine Informationsmappe mit Adressen lokaler Beratungseinrichtungen, eine finanzielle Anerkennung in Höhe von 75.- DM (25.- DM pro Person) und ein Angebot für ein psychologisches Beratungsgespräch mit den Projektmitarbeitern. Die Rekrutierung erfolgte über Artikel und Anzeigen in verschiedenen Tageszeitungen, über Beratungsstellen, über die Kontaktvermittlung durch teilnehmende Familien, sowie über private Kontakte von Projektmitarbeitern und Diplomanden.
Stichprobengröße:
60 Familien (=180 Individuen)
Rücklauf/Ausfall:
Zum Zeitpunkt der zweiten Welle nahmen noch 50 Trennungsfamilien vollständig und in jeweils 3 Fällen nur Mutter und Kind bzw. nur der Vater an der Erhebung teil. An der dritten Welle nahmen 43 Trennungsfamilien vollständig, in sieben Fällen Mutter und Kind und in einem Fall nur der Vater teil. Für die vierte Welle liegen Daten von 46 Müttern und Kindern vor, sowie von 37 Vätern.
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